Antiemetisch, karminativ und antiphlogistisch wirkende Scharfstoffdroge mit weltweiter Verbreitung und Arzneipflanze des Jahres 2026.
Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde und die Gesellschaft für Phytotherapie küren den Ingwer zur Arzneipflanze des Jahres 2026.
Ausschlaggebend für die Wahl war neben der reichhaltigen Geschichte nicht zuletzt die grundsätzliche Neubewertung durch den Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA). Eine neue Monografie der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) wird in Kürze erwartet.
Botanik
Der Ingwer (Zingiber officinale Roscoe) ist eine ausdauernde Staude aus der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae). Die Pflanze erreicht Wuchshöhen bis über einen Meter und besitzt lineal-lanzettliche Blätter von über 20 cm Länge, deren röhrenförmige Blattscheiden einen Scheinstängel bilden. Das unterirdisch horizontal wachsende, verzweigte Rhizom dient als Überdauerungsorgan und ist innen gelblich gefärbt.
Die Wildform der Pflanze ist unbekannt. Ingwer wird seit Jahrhunderten in Südasien kultiviert und heute in zahlreichen tropischen Ländern angebaut, wobei sich verschiedene Chemotypen entwickelt haben. Die Weltjahresproduktion beträgt annähernd 5 Millionen Tonnen. Indien, Nigeria und China zählen zu den Hauptproduzenten. Als besonders hochwertig gelten der Jamaika-Ingwer sowie der Australische und Bengalische Ingwer.
Geschichte
Ingwer war bereits in der griechisch-lateinischen Fachliteratur der Kaiserzeit als Importware etabliert. Dioskurides beschrieb die Droge um 70 n. Chr. als erwärmend, verdauungsfördernd, milde den Stuhl anregend und magenstärkend. Zudem wirke sie gegen Verdunkelungen der Pupille und diene als Zusatz in Gegengiften. Celsus führt Ingwer als Bestandteil des Mithridatiums auf, Scribonius Largus in einem Theriak. Galen ordnete Ingwer in die Humoralpathologie ein und klassifizierte ihn als warmes Arzneimittel, dessen Wirkung im Gegensatz zum Pfeffer langsamer einsetze, aber länger anhalte.
Im Lorscher Arzneibuch (um 800) ist Ingwer in etwa 10 % der 482 Rezepte enthalten, darunter Tränke, Latwergen, Pillen und Pulver bei Magen- und Darmleiden, Erkrankungen von Leber, Milz und Nieren sowie bei Wechselfieber. Hildegard von Bingen widmete dem Ingwer in der Physica eine differenzierte Betrachtung: Für gesunde und beleibte Menschen sei der Verzehr schädlich, da die Hitze sie gedankenlos und hitzig mache. Wer jedoch in seinem Körper trocken sei und schon fast sterbe, für den sei Ingwer lebensrettend. Das Circa instans der Schule von Salerno führt Ingwer als Digestivum und Karminativum bei kalten Magenleiden, Blähungen und Ohnmacht.
Die Anwendung bei Reisekrankheit ist hingegen erst seit dem 19. Jahrhundert belegt. Im Reisebericht The Narrative of a Voyage to the Swan River (1831) beschreibt John Giles Powell ein Glas Branntwein mit Wasser, Muskatnuss und Ingwer als Mittel gegen Seekrankheit. John Woodalls The Surgions Mate (1617), das Standardwerk der englischen Bordmedizin, nennt Ingwer zwar bei Koliken und Skorbut, jedoch noch nicht bei Reisekrankheit.
Quelle und mehr Informationen zum Ingwer, inkl. Indikationen
www.klostermedizin.de/index.php/heilpflanzen/arzneipflanze-des-jahres/78-arzneipflanze-des-jahres-2026-ingwer-zingiber-officinale
Die Arzneipflanze des Jahres
Der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde kürt seit 1999 die Arzneipflanze des Jahres. Vorrangiges Ziel ist es, an die lange und gut dokumentierte Geschichte von Pflanzen in der europäischen Medizin zu erinnern. Aus dieser Geschichte können wichtige Hinweise für eine pharmazeutische und medizinische Nutzung altbekannter Heilpflanzen extrahiert werden.
Gegründet wurde der Studienkreis 1999 an der Universität Würzburg unter maßgeblicher Beteiligung von Prof. Franz-Christian Czygan († 2012) und Dr. Johannes Gottfried Mayer († 2019). Heute gehören der Jury Mediziner, Pharmazeuten, Biologen und Historiker verschiedener Hochschulen und Institutionen an.
Eine Übersicht aller Arzneipflanzen des Jahres von 1999 bis heute finden Sie unter www.welterbe-klostermedizin.de/index.php/arzneipflanzen/arzneipflanze-des-jahres.