Das Deutsche Apotheken-Museum
im Heidelberger Schloss

Logo Deutsches Apotheken-Museum
Menü

Pandemie sammeln

Neuer Sammlungs-Schwerpunkt um Covid‑19

Das Deutsche Apotheken-Museum bewahrt in seiner umfangreichen Sammlung mehr als 4000 industriell hergestellte Fertigarzneimittel aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts bis heute. Dabei sind sowohl die Verpackungen als vielfältige Informationsträger als auch die eigentlichen Arzneistoffe für die historische Forschung von Bedeutung.

Angesichts der seit Anfang 2020 anhaltenden, zeitgeschichtlich hochbrisanten Corona-Pandemie entstand früh der Gedanke, diese möglichst zeitnah anhand exemplarischer Objekte von pharmaziehistorischer Bedeutung museologisch zu dokumentieren. Dafür wurde ein neuer Sammelschwerpunkt „Covid‑19“ definiert.

Wirksame Medikamente gegen Covid‑19 waren zu Beginn der Pandemie nicht vorhanden und werden noch länger Gegenstand intensiver Forschung sein. Die Sorgen durch die noch schwer mögliche Behandlung und die daher nötigen Einschränkungen erleben wir alle seit Monaten. Wie also können wir Objekte und „historische“ Zeugnisse sammeln und dokumentieren, die es eigentlich noch gar nicht gibt? Indem wir die aktuelle Erforschung von Arzneimitteln und Impfstoffen beobachten, die Akteure kontaktieren und die Entwicklungsstränge möglichst anhand exemplarischer Protagonisten in der Sammlung abbilden. Das Deutsche Apotheken-Museum steht hierfür in Kontakt mit zahlreichen Institutionen, Firmen und Forschungseinrichtungen, an denen etwa klinische Studien durchgeführt werden.

Die Suche nach wirksamen Arzneimitteln bei erfolgter Infektion, die Entwicklung vorbeugender Impfstoffe ebenso wie Test-Methoden zur Identifikation von Infektionen: diese und weitere für die Geschichte der Pharmazie außerordentlich bedeutsamen Aspekte möchten wir in repräsentativer Auswahl für die spätere Forschung erhalten. Dabei sind Verpackungen und Herstellerinformationen, die Arzneistoffe selbst, aber auch Unterlagen z.B. zur Koordination von Impfzentren als historisches Artefakt von Interesse.

Impfen

Dem Impfen kommt seit Ende 2020 die größte Bedeutung in der Strategie zur Pandemiebekämpfung zu. Immer mehr Impfstoffe verschiedener Hersteller erhalten die Zulassung. Die bereits jetzt verfügbaren und künftig einzusetzenden Impfstoffe bzw. entsprechende Behältnisse ergänzen die Bandbreite der Exponate als Meilensteine der medizinischen Forschung um Covid-19. Anhand von einzigartigen Realien konnten aus den ersten Impfungen mit den mRNA-Impfstoffen Pfizer/Biontech (Comirnaty®), Moderna und dem Vector-Impfstoff von AstraZeneca dokumentiert werden. Der Beginn der Corona-Schutzimpfungen Ende Dezember 2020 sind durch Fotodokumentation exemplarisch belegt, die in der München Klinik Schwabing sowie im Rhein-Neckar-Kreis dokumentiert wurden.

Behandeln

Ein Strang der Sammlung legt den Focus auf bereits bekannte Arzneimittel, die bisher für andere Krankheiten entwickelt oder eingesetzt wurden und die nun in klinische Medikamentenstudien eingebunden sind oder waren, um auf ihre Wirksamkeit gegen Covid‑19 erprobt zu werden.

Im besten Fall erweisen sie sich als wirksam und erhalten eine Zulassung der zuständigen Arzneimittelbehörde. So erzielten beispielsweise die beiden Wirkstoffe Dexamethason und Remdesivir weltweit in Studien Erfolge bei der Behandlung schwerster Krankheitsverläufe bei Beatmung oder Sauerstoff-Therapie und in der Senkung der Mortalitätsraten.

Das Glucocorticoid Dexamethason, ist in einer Vielzahl von Medikamenten enthalten, die das Immunsystem unterdrücken, um allergische und entzündliche Prozesse zu stoppen. Entsprechend bekämpft der Wirkstoff nicht den Virus selbst, sondern eine überschießende Immunreaktion des Körpers. Für dexamethasonhaltige Arzneimittel (bspw. in Fortecortin®) befürwortet das RKI, die Europäische Arzneimittelbehörde EMA und die WHO den Einsatz gegen den Virus Sars-CoV2- bei Patienten, die beatmet werden und mehr als sieben Tage lang erkrankt sind.

Umstrittener ist die Wirkung des Medikaments Remdesivir, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde. Das RKI empfiehlt den Einsatz von Remdesivir in bestimmten Stadien der Krankheit bei schweren Verläufen. Es erhielt daher unter dem Namen Veklury® im Juli 2020 von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA auch in Europa eine bedingte Zulassung für den Einsatz bei Covid 19. In den USA wurde es zuvor bereits zugelassen, die US-Regierung stützte sich dabei auf Studien, wonach der Wirkstoff die Erkrankungszeit verkürze. Die WHO hält es für nicht ausreichend belegt, dass das Mittel die Krankheitsdauer bei hospitalisierten Patienten signifikant senken kann

Auch die Wirkung immunstimmulierender und antiviraler Interferone bei Covid-19 wird in diversen Studien getestet, wie das vor allem bei Hepatitis B und C eingesetzte Interferon-Alpha-2a.

Ebenso wollen wir Medikamente dokumentieren, die diskutiert und geprüft wurden, für die sich aber inzwischen eine Wirksamkeit bei Covid-19 ausschließen lässt. Als aussichtsreich galten längere Zeit Präparate mit dem Wirkstoff Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin. Das bisher vor allem bei Malaria und Arthritis eingesetzte Mittel hat jedoch erhebliche Nebenwirkungen. Eine Studie am Universitätsklinikum Heidelberg prüfte bspw. die Aufnahme von Hydroxychloroquin (Quensyl®) unter dem Einfluss des Magenmittels Pantoprazol. Chloroquin erwies sich in den Studien als nicht wirksam gegen Covid‑19 und die Studien wurden insgesamt eingestellt. Ein weiteres Beispiel bietet das HIV-1-Medikament Kaletra® mit der festen Wirkstoffkombination von Lopinavir und Ritonavir. Zu Beginn der Pandemie galt es als aussichtsreiches Medikament. Doch Studien erwiesen, dass die Gabe von Kaletra® keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hatte.

Diesen Strang sollen ganz neue Wirkstoffe ergänzen, die aktuell in der Entwicklung und als Exponate noch nicht verfügbar sind. Beispiel hierfür ist das aus menschlichem Blutplasma gewonnene Immunglobulin-Therapeutikum „Trimodulin“ der Biotest AG in Dreieich. Trimodulin (BT588) enthält neben IgG auch IgM und IgA Antikörper. Besonders die IgM und IgA Komponenten können fehlgeleitete und überschießende Immunreaktionen reduzieren. So kann möglicherweise das Fortschreiten der Erkrankung und damit eine künstliche Beatmung und andere intensivmedizinischen Maßnahmen verhindert werden. Trimodulin wird gegenwärtig für die Behandlung von Patienten mit COVID-19 mit schwerem Krankheitsverlauf in einer klinischen Prüfung entwickelt.

Testen und Vorbeugen

Test-Medien zählten zu den ersten klinischen Möglichkeiten im Umgang mit der Pandemie und sind nach wie vor für die Identifizierung von Infektionen unerlässlich. Antigen-Tests zeigen eine aktive Infektion mit dem Sars Cov 2-Virus an, Antikörper-Tests wiederum können eine ggf. bereits überstandene Infektion mittels daraus gebildete Antikörper nachweisen. Je nach zeitlichem Abstand zur erfolgten Infektion lassen sich so verschiedene Typen von Antikörpern identifizieren. Auch die Test-Medien sind von Interesse für den neuen Sammelschwerpunkt.

Masken gehören inzwischen zu den allgegenwärtigen Artefakten im Pandemie-Alltag aller. Im Jahr 2020 war das öffentliche und auch private Leben vor allem geprägt von einfachen Stoffmasken. Vielfach waren sie selbst genäht – auch im anfänglichen Mangel an verfügbaren medizinischen oder anderen hochwertigen Schutzmasken. Unternehmen, Vereine oder Veranstalter gaben individuell bedruckte für Mitarbeiter oder Mitglieder aus. Seit Anfang 2021 sind im öffentlichen Bereich nur noch medizinische und andere Masken mit hoher Schutzwirkung zugelassen. Die Stoffmasken sind somit bereits weitgehend aus dem öffentlichen Bild verschwunden.

Unser großer Dank an alle, die das Projekt unterstützen!

Folgende Institutionen haben das Deutsche Apotheken-Museum durch Objektspenden bereits hilfreich unterstützt oder ihre Bereitschaft signalisiert:

- Biotest AG, Dreieich
- Gesundheitsamt Heidelberg mit dem Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis
- Universitätsklinikum Heidelberg:
       Thorax-Klinik, Krankenhausapotheke
       Zentrum für Infektiologie und Virologie
       Sektion Klinische Tropenmedizin
       Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmako-
       epidemiologie        
- München Klinik Schwabing, Krankenhausapotheke

Wir hoffen auf zahlreiche weitere Bestandszugänge, mit denen wir die erfolgreiche Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen und damit auch den erfolgreichen Kampf gegen Covid‑19 abbilden können.

Text: Claudia Sachße

Quellen:
www.ema.europa.eu/en/documents/product-information/veklury-epar-product-information_de.pdf
www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/vorab/20200806-Remdesivir.pdf
www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/COVRIIN_Dok/Erfahrungen_Umgang_Erkrankten.pdf?__blob=publicationFile
www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RI/2020/RI-hydroxychloroquin2.html
www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RV_STP/a-f/dexamethason.html
www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/woran-wir-forschen/therapeutische-medikamente-gegen-die-coronavirusinfektion-covid-19
alle eingesehen am 16.12.2020