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Pandemie sammeln

Neuer Sammlungs-Schwerpunkt um Covid‑19

Das Deutsche Apotheken-Museum bewahrt in seiner umfangreichen Sammlung mehr als 4000 industriell hergestellte Fertigarzneimittel aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts bis heute. Dabei sind sowohl die Verpackungen als vielfältige Informationsträger als auch die eigentlichen Arzneistoffe für die historische Forschung von Bedeutung.

Angesichts der seit Jahresbeginn anhaltenden, zeitgeschichtlich hoch brisanten Corona-Pandemie entstand früh der Gedanke, diese möglichst zeitnah anhand exemplarischer Objekte von pharmaziehistorischer Bedeutung museologisch zu dokumentieren. Dafür wurde ein neuer Sammelschwerpunkt „Covid‑19“ definiert.

Wirksame Medikamente gegen Covid‑19 waren zu Beginn der Pandemie nicht vorhanden und werden noch länger Gegenstand intensiver Forschung sein. Die Sorgen durch die noch schwer mögliche Behandlung und die daher nötigen Einschränkungen erleben wir alle seit Monaten. Wie also können wir Objekte und „historische“ Zeugnisse sammeln und dokumentieren, die es eigentlich noch gar nicht gibt? Indem wir die aktuelle Erforschung von Arzneimitteln und Impfstoffen beobachten, die Akteure kontaktieren und die Entwicklungsstränge möglichst anhand exemplarischer Protagonisten in der Sammlung abbilden. Das Dt. Apotheken-Museum steht hierfür in Kontakt mit zahlreichen Institutionen, Firmen und Forschungseinrichtungen, an denen etwa klinische Studien durchgeführt werden.

Die Suche nach wirksamen Arzneimitteln bei erfolgter Infektion, die Entwicklung vorbeugender Impfstoffe ebenso wie Test-Methoden zur Identifikation von Infektionen: diese und weitere für die Geschichte der Pharmazie außerordentlich bedeutsamen Aspekte möchten wir in repräsentativer Auswahl für die spätere Forschung erhalten. Dabei sind wie beschrieben sowohl Verpackungen und Herstellerinformationen als auch die Arzneistoffe selbst, aber auch Unterlagen z.B. zur Koordination von Impfzentren als historisches Artefakt von Interesse.

Hoffnungsträger, Zulassung oder unwirksam?

Ein Strang der Sammlung legt den Focus auf bereits bekannte Arzneimittel, die bisher für andere Krankheiten entwickelt oder eingesetzt wurden und die nun in klinische Medikamentenstudien eingebunden sind oder waren, um auf ihre Wirksamkeit gegen Covid‑19 erprobt zu werden.

Im besten Fall erweisen sie sich als wirksam und erhalten eine Zulassung der zuständigen Arzneimittelbehörde. So erzielten die beiden Wirkstoffe Remdesivir und Dexamethason weltweit in Studien große Erfolge bei der Behandlung schwerster Krankheitsverläufe bei Beatmung oder Sauerstoff-Therapie und in der Senkung der Mortalitätsraten.

Remdesivir – ursprünglich als Medikament geben Ebola entwickelt – konnte bei hospitalisierten Patienten die Krankheitsdauer in einem bestimmten Stadium signifikant senken. Das Glucocorticoid Dexamethason ist in einer Vielzahl von Medikamenten enthalten, die das Immunsystem unterdrücken, um allergische und entzündliche Prozesse zu stoppen. Entsprechend bekämpft der Wirkstoff nicht den Virus, sondern eine überschießende Immunreaktion des Körpers. Diese Eigenschaft wirkt sich auch positiv bei schweren Covid-19-Verläufen aus. Entsprechend den Studienerfolgen erhielt Remdesivir unter dem Namen Veklury® eine Notfallzulassung der EU für den Einsatz bei Covid‑19. Und auch für Dexamethason-haltige Arzneimittel (bspw. in Fortecortin®) kann inzwischen die Zulassung für Covid‑19 beantragt werden.

Ebenso wollen wir Medikamente dokumentieren, die diskutiert und geprüft wurden, für die sich aber inzwischen eine Wirksamkeit bei Covid-19 ausschließen lässt. Als aussichtsreich galten längere Zeit Präparate mit dem Wirkstoff Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin. Das bisher vor allem bei Malaria und Arthritis eingesetzte Mittel hat jedoch erhebliche Nebenwirkungen. Eine Studie am Universitätsklinikum Heidelberg prüfte bspw. die Aufnahme von Hydroxychloroquin (Quensyl®) unter dem Einfluss des Magenmittels Pantoprazol. Doch Chloroquin selbst erwies sich in den Studien als nicht wirksam gegen Covid‑19 und die Studien wurden insgesamt eingestellt. Ein weiteres Beispiel bietet das HIV-1-Medikament Kaletra® mit der festen Wirkstoffkombination von Lopinavir und Ritonavir. Zu Beginn der Pandemie galt es als aussichtsreiches Medikament. Doch Studien erwiesen, dass die Gabe von Kaletra® keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hatte. Auch die Wirkung immunstimmulierender und antiviraler Interferone wird in diversen Studien getestet, wie das vor allem bei Hepatitis B und C eingesetzte Interferon-Alpha-2a.

Packungen aller genannten Mittel konnten bereits in den Bestand aufgenommen werden. Diesen Strang sollen ganz neue Wirkstoffe ergänzen, die aktuell in der Entwicklung sind und als Exponate noch nicht verfügbar.

Testen und Impfen

Auch Test-Medien sind für die Dokumentation von Interesse. Mit Antigen-Tests kann eine aktive Infektion mit dem Sars‑Cov‑2-Virus nachgewiesen werden. Antikörper-Tests wiederum können eine ggf. bereits überstandene Infektion mittels daraus gebildete Antikörper nachweisen. Je nach zeitlichem Abstand zur erfolgten Infektion lassen sich so verschiedene Typen von Antikörpern identifizieren. Auch hier konnten bereits verschiedene Varianten an Test-Kits aus dem klinischen Bereich aufgenommen werden.

Und schließlich sollen auch die entwickelten und hoffentlich bald auch bei uns zugelassenen Impfstoffe als Meilensteine der medizinischen Forschung um Covid‑19 die Bandbreite der möglichen Exponate ergänzen.

Unser großer Dank an alle, die das Projekt unterstützen!

Folgende Institutionen haben das Dt. Apotheken-Museum durch Objektspenden bereits hilfreich unterstützt oder signalisiert, nach Abschluss der laufenden Studien Referenzexemplare und Informationen zur Verfügung zu stellen:

Universitätsklinikum Heidelberg:

  • Thorax-Klinik (Krankenhausapotheke)
  • Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie
  • Zentrum für Infektiologie und Virologie
  • Sektion Klinische Tropenmedizin

München Klinik Schwabing: Krankenhausapotheke

Universitätsklinikum Tübingen: Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie

Angesichts der immensen Leistung, die alle Gesundheits- und Forschungseinrichtungen und Firmen in dieser für uns alle heute beispiellosen Situation erbringen, sind wir überaus dankbar für die Unterstützung dieses Sammlungsprojektes!

Das Sammelkonzept steht noch am Anfang. Mit großer Zuversicht hoffen wir auf zahlreiche weitere Bestandszugänge, mit denen wir die erfolgreiche Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen und damit auch den erfolgreichen Kampf gegen Covid‑19 abbilden können!

Text: Claudia Sachße

Quellen:
www.ema.europa.eu/en/documents/product-information/veklury-epar-product-information_de.pdf
www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/vorab/20200806-Remdesivir.pdf
www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/COVRIIN_Dok/Erfahrungen_Umgang_Erkrankten.pdf?__blob=publicationFile
www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RI/2020/RI-hydroxychloroquin2.html
www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RV_STP/a-f/dexamethason.html
www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/woran-wir-forschen/therapeutische-medikamente-gegen-die-coronavirusinfektion-covid-19
alle eingesehen am 16.12.2020