Das Deutsche Apotheken-Museum
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Heiliges zum Naschen

Bei „Aachener Printen“ denkt man sofort an süßes Gebäck, Gewürze, Advent. In den vergangenen Jahrhunderten waren die „Lebkuchen“ aber viel mehr als Weihnachtsgebäck - aufwändig in der Herstellung, für hohe Festtage und oft reich verziert mit eindrücklichen Bildmotiven.

„Lebkuchen“ (Leibbrote, Fladenkuchen) sind für Aachen ein wichtiges Stück Stadt-Identität, aber auch seit der Antike in der größeren Region, dem benachbarten Belgien und den Niederlanden bekannt. Sie wurden als spezielles Gebäck mit Wasser, Mehl, Honig und verschiedenen Gewürzen hergestellt. Der Honig karamellisierte beim Erkalten und der zähe Teig wurde teils Monate gelagert. Seine Verarbeitung war echte Knochenarbeit - das daraus gefertigte Gebäck aber nahezu unbegrenzt haltbar. Dabei stellte man im Raum Aachen lange vor allem Schnittlebkuchen ohne Verzierungen her. Im 15. Jahrhundert kamen auch sogenannte „Gebildbrote“ auf – teils recht große Lebkuchen aus weicherem Teig mit vielfältigen Motiven in geschnitzten Holzmodeln gefertigt, die vor allem im 18. Jahrhundert sehr beliebt waren.

Als ehemaliger „Flohmarktfund“ kamen zwei Model mit Darstellungen der Schutzheiligen von Arzt und Apotheker in die Sammlung: die Heiligen Cosmas mit Harnschauglas und Damian mit Mörser und Pistill (Abbildung 1). Beide Model zeigen eingeschnitzte Figuren in trachtartigem Mantel, mit Hut und Stiefeln. Mantel bzw. Hut tragen je Rosettenmotive. Unten findet sich der spiegelverkehrte Namensschriftzug. Die recht massiven Holzformen sind circa 36 cm hoch und 15 cm breit. Der äußere Umriss der Figuren ist durch eingelegte Eisenblechbänder verstärkt. In der Machart und Trachtenmotivik der Kleidung gleichen sie vielen historischen Modeln aus Aachener Werkstätten des 18. Jahrhunderts.

Über den Ursprung der Bildlebkuchen im Aachener Raum galt lange, die These, im 15. Jahrhundert sollten aus Belgien einwandernde Kupferschläger und Schmiede diese neue Variation von Holzmodeln mit kunstvoll geschnitzten Motiven mitgebracht haben, nach dem Vorbild der belgischen „Couques de Dinant“. Das klingt charmant – ist jedoch wenig plausibel. Die Gewerke waren bereits im 14. Jahrhundert in Zünften streng organisiert. Die Schmiede konnten kaum in die Zunft der Bäcker und Lebküchner eindringen. Vielmehr sind ähnliche Traditionen schon aus vielen Regionen bekannt, bspw. aus Basel, Nürnberg oder Thüringen.

Sicher ist, dass diese Model typische „Printen“ sind. Der Begriff stammt vom mittelhochdeutschen „prente“, niederländisch „prent“, und bedeutet in etwa „Druckwerkzeug“ oder „Abdruck“. Der Begriff bezog sich lange auf das Model selbst – nicht auf das Gebäck! Der recht feste Teig wurde aufgebracht und eingedrückt, die Kontur der eingelegten Metallbänder erleichterte das Abstreichen des Teiges.

Die Gebildbrote mit vielfältigen Motiven vor allem aus dem religiösen Bereich wurden nur zu bestimmten Zeiten hergestellt für hohe Feste oder kirchliche Feiertage, aber auch als Nahrung für die zahlreichen Pilger in Aachen. Die Stadt ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Christenheit und rief von 1349 an alle sieben Jahre zur „Heiligtumsfahrt“. Die Aachener Bäcker boten damit reise-kompatiblen und lang haltbaren Proviant mit passender Symbolik an. Doch auch die wohlhabenden Bad-Gäste der Aachener Thermalquellen wussten im 18. Jh. die Spezialität zu schätzen.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts waren mehr profane Motive in Mode bzw. wurden die Bildlebkuchen immer seltener gegenüber schlichten Schnittlebkuchen. Erst jetzt wurde es üblich, das Gebäck selbst als Printe zu bezeichnen. Und es änderten sich die Rezepturen – der teurer werdende Honig wurde vielfach durch Rohrzucker aus Übersee bzw. Zuckersirup ersetzt. Äußere Gegebenheiten wie eine große Zucker- und Honigknappheit um 1800, Napoleons Kontinentalsperre oder der inzwischen erfolgreiche Anbau von Runkelrüben als Zuckerlieferanten – eine Entdeckung des Apothekers Andreas Sigismund Marggraf (1709 bis 1782) – taten für die Veränderung und Entwicklung der Printen-Rezepturen zu den heute bekannten Formen ihr Übriges.

Als Model für Gebildbrote mit den Schutzheiligen von Arzt und Apotheker sind uns diese beiden Stücke in der Sammlung hochwillkommen und an der Beschaffung der Gewürze für die Spezialitäten hatten sicher auch die Aachener Apotheker erheblichen Anteil!

Text: Claudia Sachße

Literatur: Karl F. Kittelberger, Lebkuchen und Aachener Printen – Geschichte eines höchst sonderbaren Gebäcks (1988).