Der Bestand an historischen Apothekenstandgefäßen hat einige spannende Objekte hinzugewonnen. Sie zeigen, dass sich v.a. hochwertige Manufakturerzeugnisse zwar über den Kunsthandel breit verteilt haben, aber durch intensive Recherchen der Verbleib zumindest von Teilen ehemals großer und oft prunkvoller Serien ermittelt und diese zumindest „virtuell“ wieder mit einander verknüpft werden können. Und immer wieder erlangt man spannende Informationen über ihren Kontext.
Einige Gläser mit Emailmalerei aus der Adler-Apotheke in Velbert-Langenberg (Kr. Mettmann) bringen neue Kenntnisse über die Beziehungen zwischen Glaswerkstätten und Apotheken in der Ruhrregion im 18. Jahrhundert.
Die vierkantigen Flaschen zeigen ein achteckiges Schriftfeld, jeweils eingerahmt von einem Zierband aus großen gelben Punkten mit Lichtpunkten und Schattierungen in hellgelb und braun. Einige haben noch den zugehörigen Schliffstopfen (Abbildung 1). Der frühklassizistische Stil von Form und Verzierung der Kartusche und die Machart der etwa 13,5 cm hohen Gläser datieren diese in die Jahre um 1780 bis 1790.
Gläser mit identischem Schriftbild und Dekor sind aus der Buer‘schen Apotheke Gelsenkirchen bekannt. Etwa 20 Gefäße sind in verschiedenen Privatsammlungen erhalten (u.a. Sammlung Rolf Laufkötter, Bad Ems). Ein sehr ähnliches Dekor haben auch Gefäße aus der Apotheke in Wuppertal-Cronenberg (später Löwen-Apotheke). Sechs Gläser und zwei Holzdosen befinden sich davon in der Museumssammlung (Abbildung 2). Das achteckige Schriftfeld und die gelbbraune Perlenreihe sind identisch, ergänzt aber durch eine Krone oben sowie teils eine gelbe Schleife am unteren Rand. Dabei tragen die Dosen mehrfache Übermalungen, die gelbe Punktzier bildet die älteste Fassung. Auch hier gibt es weitere Bespiele von Punktzier mit Krone/Schleife in älteren Publikationen und in Privatsammlungen – teils mit Nachweis auf Cronenberg, teils mit unbekannter Herkunft (frdl. Information R. Laufkötter; Balke 1963, 6).
Somit sind etwa 40 Gefäße mit fast identischem Dekor und Schrifttyp aus mindestens drei Apotheken in der Rhein-Ruhr-Region erhalten, die vermutlich ein variables Standarddekor für Apothekengefäße aus einer Glasmanufaktur in der Region aufweisen.
Vergleicht man die Gründungsdaten der Apotheken, gibt es jedoch einigen Klärungsbedarf. Für die 1698 gegründete Apotheke in Velbert-Langenberg ist eine Anschaffung der Gläser bei einer Manufaktur im späten 18. Jahrhundert möglich. Die Buer’sche Apotheke Gelsenkirchen jedoch wurde 1807 gegründet, Wuppertal-Cronenberg erst 1813. Die Gläser können stilistisch kaum zur Erstnutzung für diese beiden Apotheken eigens hergestellt worden sein.
Für die Gefäße aus Wuppertal-Cronenberg lässt sich ein möglicher Weg über den Erstbesitzer aufzeigen: Johann Wilhelm Leverkus (1776 bis 1858, der Vater jenes Carl Leverkus, dem die Stadt Leverkusen ihren Namen verdankt!) hatte 1798 die Apotheke in Radevormwald übernommen – gegründet 1709, kurz nach Einführung der dort gültigen kurpfälzischen Medizinalordnung. Jedoch fiel diese kurze Zeit später 1802 einem großen Stadtbrand zum Opfer. Leverkus verließ Radevormwald, gründete wenig später eine neue Apotheke in Wermelskirchen und von dieser aus wiederum 1813 eine Filiale in Cronenberg (die er nur kurz betrieb). Leverkus hatte brauchbare Gerätschaften der ausgebrannten Apotheke mitgenommen und weiter genutzt, obwohl nur wenig gerettet werden konnte. Sicher kaufte er – vielleicht auch gebrauchtes – Inventar im Umfeld günstig zu. Ebenso könnte in Gelsenkirchen Inventar einer älteren/umgestalteten Apotheke aufgekauft oder übernommen worden sein.
Gefertigt in der Glashütte von Königssteele?
Die Suche nach der Herkunft der Gläser aus Cronenberg, Gelsenkirchen und Velbert führt in die Geschichte der lokalen Glasproduktion. Größere Glashütten waren in der Ruhr-Region lange nicht angesiedelt. Es gab eher kleinere Glasbläserbetriebe in den Städten, die kaum Schmelzmalerei betrieben. Der steigende Bedarf an Flach- und Hohlglas im 16./17. Jahrhundert führte zudem zu einer Verlegung vieler Glasbetriebe in waldreiche Gebiete wie Westerwald, Eifel und Hunsrück.
Im frühen 18. Jahrhundert profitiert das Gewerbe jedoch vom wirtschaftlichen Aufschwung und dem Erstarken der Steinkohleproduktion im Ruhrtal. 1723 gründete Albert Hünninghausen (1699 bis 1768) in Königssteele bei Essen die erste steinkohlenbetriebene Glasmanufaktur, mit königlichem Privileg ab 1727. Anfangs wurden dort v.a. Fensterscheiben „nach englischer Art“ (auch Spiegel) gefertigt, nach wenigen Jahren jedoch vermehrt Hohlgläser, v.a. Flaschen. Eine Bekanntmachung der Glashütte aus dem Jahr 1744 belegt, dass dort auch Apothekengefäße gefertigt wurden: “Diejenigen nun, so mit Wein= Bier= und Woll=Bouteillen, mit oder ohne Zeichen, imgleichen Apothequer-Glaß, vierkantige Kellerflaschen, und was sonst … wollen bedient sein, können beliebig an obgemelten Entrepenneur, Hermann Albert Hünninghausen auf der Glaß-Hütte zu Königssteel schreiben, und die Größe, Façon, Zeichen, …. melden …“ (Wilhelm Grevel, Die Steeler und Schellenberger Glashütten… Essener Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen Bd. 17, 1896, 42f.).
Die Steeler Glashütte gehörte zu den ältesten Industriebetrieben Essens (heute Glashütte Wisthoff, Essen-Horst) und bewirkte einen Zuzug zahlreicher Handwerksbetriebe. Der erfolgreiche Fabrikant Hünnighausen hatte auch großen Anteil an der Schiffbarmachung der Ruhr. Zwar folgte die Gründung weiterer Glashütten im Umfeld, doch blieb die Steeler Glasmanufaktur wohl die bedeutendste. Möglicherweise fassen wir mit dieser den Hersteller der emailbemalten Gläser mit einheitlichem Dekor für Apotheken in der Region.
Text: Claudia Sachße
Literatur
Martin Balke, 150 Jahre Löwen-Apotheke Wuppertal-Cronenberg - die Geschichte einer Apotheke (1963).
Wilhelm Grevel, Die Steeler und Schellenberger Glashütten … Essener Beitr. z. Gesch. von Stadt u. Stift Essen 17, 1896.
Hans-Heino Ingendoh, Zur Geschichte des Apothekenwesens auf dem Gebiet des Herzogtums Berg … Qu. u. St. zur Gesch. d. Pharm. 30 (1985).
Klaus Kunze, Sollinger Glasbläser als Entwicklungshelfer im Ruhrgebiet. Sollinger Heimatbl. 4, 2002, 19-23.
Wolfgang Motte, Apotheken, Apothekerinnen und Apotheker in Radevormwald seit 1709. Bergischer Geschichtsverein Abt. Radevormwald 24 (2007).
Kurt Petersen, Die geschichtliche Entwicklung der Glasindustrie im Rheinland (1930)