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„Gotische“ Holzdosen: Fälschungen aufgedeckt

1997 und 2005 wurden im Auktionshandel mehrere Holzstandgefäße für den Bestand des Deutschen Apotheken-Museums angekauft. Sie wurden der Zeit um 1500 zugeschrieben mit wahrscheinlicher Herkunft aus Österreich oder Süddeutschland. Nach weiteren Neuzugängen wurden mehrere Gefäße naturwissenschaftlich untersucht – mit dem eindeutigen Ergebnis, dass es sich um Fälschungen des 20. Jahrhunderts handelt.

Gotische Apothekengefäße aus Holz waren nördlich der Alpen lange nur vereinzelt belegt. Bekannt sind vor allem die Gefäße der Mohrenapotheke Krems (Österreich), die sich seit den 1930er-Jahren in den Sammlungen des Museums für Angewandte Kunst in Wien (MAK) sowie im Museum der Stadt Krems befinden. Als 1997 neue Objekte dieser Gefäßgattung mit vergleichbarer Zuordnung auftauchten, erregte dies  einiges Aufsehen in den pharmaziehistorisch orientierten Sammlungen. Nachforschungen im Vorfeld der Ankäufe zerstreuten jedoch zunächst die Zweifel an der Echtheit der Stücke.

2013 erhielt das Deutsche Apotheken-Museum ein umfangreiches Ensemble mit 17 Standgefäßen als Schenkung. Der nunmehr vorhandene Bestand von 21 Gefäßen war Grund genug, sich mit dieser Gattung wissenschaftlich näher zu befassen. Bei Begutachtung der Farbfassungen, Oberflächenerhaltung, der Schrift und heraldischen Darstellungen entstand jedoch erneut der Verdacht, dass es sich nicht um Werke des frühen 16. Jahrhunderts handelt, sondern um moderne Fälschungen.

Spurensuche mit moderner Analytik

Naturwissenschaftliche Materialanalysen sollten den Verdacht klären. An zwei Dosen wurden Holzproben zur Radiocarbon-Datierung entnommen (Abb. 2). Die 14C-Analysen im Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH Mannheim lieferten die Schlagdaten der verwendeten Hölzer: circa 1958 und 1968! Dies und die eindeutig nachweisbaren Uran-Einlagerungen im Holz, sogenanntes „Bomben 14C“, bestätigten den Zweifel an der Echtheit der „gotischen“ Gefäße.

Parallel wurden an mehreren Gefäßen Proben der für die Bemalung verwendeten Farbpigmente genommen. Kooperation besteht hier mit der Abteilung Konservierung und Restaurierung der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Unter der Leitung von Professor Christoph Krekel werden die Pigmente in einem aktuell laufenden Projekt untersucht. Deren Zusammensetzung lässt nach ersten Erkenntnissen auf einen relativ hohen Sachverstand zu zeitgenössischen Farben des späten Mittelalters schließen – oder vielmehr auf tiefe Kenntnis der einschlägigen restauratorischen Fachliteratur.

Die Gefäße bilden zwei Hauptserien, die sich in Details leicht unterscheiden (Abb. 1). Neben den in der Sammlung des Apotheken-Museums vorhandenen Dosen mit roter und grüner Farbfassung gibt es auch solche mit gelblich-beigem Farbgrund. Auffällig ist zum einen das Erscheinungsbild der Schrift, bei der sich zwei Typen unterscheiden lassen. Während der eine Schrifttyp der charakteristischen gotischen Majuskel zumindest nahe kommt, weicht der zweite in wesentlichen Elementen davon ab. Ebenso bekräftigen die verwendeten Wappendarstellungen in der Gesamtschau aller Gefäße die Fälschungsvermutung. Nachweisbar sind Wappen aus verschiedenen Zeiten und Regionen, die zum Teil zu dieser Zeit noch gar nicht geführt wurden.

Eine umfangreiche Recherche im Auktionshandel ergab, dass von 1997 bis 2016 nahezu 50 solcher Dosen angeboten wurden – oft einzeln oder zu wenigen Stücken. Angesichts der bisherigen Seltenheit solcher Objekte eine erstaunliche Menge! Nur ein Gefäß dieser Art befindet sich unserer Kenntnis nach in einer weiteren öffentlichen Sammlung, die große Mehrheit ist wohl heute in Privatbesitz.
 
Strafanzeige gestellt

2014 stellte die Deutsche Apotheken Museum-Stiftung Strafanzeige wegen Betrugs, worauf die Abteilung „Kunst und Kulturgutschutz“ des Landeskriminalamts Stuttgart die Angelegenheit engagiert verfolgte. Die Einlieferung aller fraglichen im Auktionshandel nachweisbaren Objekte ließ sich auf einen inzwischen verstorbenen privaten Sammler in Österreich zurückverfolgen. Die Ermittlungen mussten letztlich eingestellt werden, ohne den Vorgang vollständig klären und den Urheber dieser Gefäße ermitteln zu können.

Als Vorbilder für dieses – anfangs wohl zu Recht als lukrativ angesehene – Fälschungsprojekt sind sicher die genannten spätmittelalterlichen Standgefäße der Mohrenapotheke Krems zu sehen. Deren Echtheit ist nach Information von Prof. Krekel, Stuttgart, zweifelsfrei zu bestätigen. Das MAK in Wien und das Museum Krems erlaubten es dem Deutschen Apotheken-Museum, die Gefäße vor Ort zu begutachten und im Fall der Wiener Objekte Pigmentproben für vergleichende Referenzdaten zu entnehmen.

Die 21 Standgefäße im Deutschen Apotheken-Museum waren einst hochpreisige Erwerbungen. Die Tatsache, dass es sich um Fälschungen handelt, schmerzt. Sie wurden mit hoher krimineller Engergie produziert und auf dem Markt lanziert, was deutlich macht, dass auch - oder gerade - der Bereich kunsthandwerklicher Objekte, die im vierstelligen Bereich liegen, nicht von Fälschungen verschont bleibt.

Als wissenschaftliche Einrichtung sah sich das Apotheken-Museum in der Pflicht, die Sache offensiv und mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen und rechtlichen Mitteln anzugehen.

Zu diesen Fälschungen ist in Zusammenarbeit mit der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart eine Publikation geplant. Diese wird sich vor allem auf die Ergebnisse aus den Pigmentanalysen konzentrieren, aber auch die Auswertung der 14C-Daten, der Schriftanalyse sowie der heraldischen Darstellungen einbeziehen. /

Danksagung

Für Informationen zu Schrift und Heraldik danken wir herzlich Herrn Dr. Harald Drös, Akademie der Wissenschaften Heidelberg, Forschungsstelle Deutsche Inschriften des Mittelalters.

Die 14C-Analysen führten unsere Kollegen im Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH Mannheim durch, auch ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Unter der Leitung von Herrn Prof. Christoph Krekel analysierte die Abteilung Konservierung und Restaurierung der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart die Farbpigmente. Vielen herzlichen Dank auch für diese kollegiale Hilfestellung.

Herrn Dr. Sebastian Hackenschmidt, MAK Wien, und Dr. Franz Schönfellner, Museum Krems, ermöglichten den Vergleich mit Holzstandgefäßen aus der Zeit um 1500 in ihren Sammlungen. Auch ihnen sei für ihre Unterstützung herzlich gedankt.

Text: Claudia Sachße, Heidelberg

Fotos: Abb1. Claudia Sachße, Heidelberg; Abb. 2 Lothar Baur, HEidelberg

Literatur:
Huwer, E., Das Deutsche Apotheken-Museum. Schätze aus zwei Jahrtausenden Kultur- und Pharmaziegeschichte. 3. Aufl. 2016, S. 185f.

Neubecker, O., Heraldik. Wappen – ihr Ursprung, Sinn und Wert. 1976, S. 116.