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Forschungsprojekt: Apothekenstandgefäße aus Holz

Zur chronologischen und typologischen Entwicklung des Gefäßtyps vom 16. bis 20. Jh.

Sie gelten als die klassischen Apothekengefäße schon in den ältesten Apotheken im deutschen Sprachraum: Sorgfältig gedrechselte und farbig gefasste Standgefäße aus Holz. Umso erstaunlicher ist es, dass bislang keine wissenschaftliche Untersuchung zur chronologischen wie typologischen Entwicklung dieser kleinen Kunstwerke stattfand.

Das Deutsche Apotheken-Museum hat sich zum Ziel gesetzt, diese
Lücke zu schließen. Neben den mehr als 900 Holzstandgefäßen aus
dem museumseigenen Bestand werden auch Holzstandgefäße anderer pharmaziehistorischer Sammlungen mit einbezogen.

Ziel ist es, zunächst ein absolutchronologisch gesichertes Grundgerüst der Entwicklung dieser Gefäßform zu erarbeiten, an das typologisch der weitere, nicht datierte bekannte Bestand angeschlossen werden soll.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse als online-Ressource, die über diese Website abrufbar sein wird, stellt ein weiteres Ziel des 2016 begonnenen und auf mehrere Jahre angelegten Projektes dar. Es wird von der Sammlungsbetreuerin im Deutschen Apotheken-Museum, Dr. Claudia Sachße, geleitet.

Chronologie und Typologie

Mehrere verschiedene Aspekte sollen bei der Bearbeitung der Holzstandgefäße behandelt werden. Im Vordergrund stehen die Klassifizierung und zeitliche Einordnung der Gefäßformen, Farbfassungen, Dekore und Aufschriften. Dabei sind nicht nur chronologische Veränderungen in Form und Dekor zu berücksichtigen, sondern auch regionale Unterschiede oder die Frage nach Standard- bzw. individuellen Dekoren. Zum Vergleich werden dabei nicht nur Holzstandgefäße, sondern auch Behältnisse aus anderen Materialien wie Glas oder Fayence sowie Bildquellen und zeitgenössisches Kunsthandwerk herangezogen.

Sehr selten sind Holzstandgefäße mit einer gesicherten Datierung, etwa durch Aufschrift einer Jahreszahl. Sie dienen als chronologische Referenzobjekte. Kenntnisse zum Kontext der Gefäße können ebenfalls einen Datierungsansatz liefern, zum Beispiel die gesicherte Herkunft aus einer bestimmten Apotheke und Schriftquellen zu deren Gründung oder Neueinrichtung.

Mehrfachnutzung

Ein spannendes Feld ist die sekundäre Nutzung von Holzgefäßen. Oft wurden Gefäße über eine lange Zeit gebraucht; sie wurden bei Bedarf mit einem neuen Dekor versehen, das heißt mit sich überlagernden Farbfassungen, oder auch nur mit einer neuen Beschriftung, etwa auf der Rückseite. Gefäßformen eines viel älteren Typs verbinden sich so mit Dekoren, die für jüngere Zeitstufen typisch sind. Hier sind Aussagen zur chronologischen Streuung von Gefäßformen und der Nutzungsdauer von Holzgefäßen zu erwarten.

Kenntnisse zu sich überlagernden Farbschichten können zum einen Fehlstellen geben, die etwa durch Farbabplatzungen während der Benutzungszeit des Gefäßes in der Apotheke entstanden sind. Ein anderer Weg ist, mittels restauratorischer Methoden „Fenster“ freizulegen, kleine Ausschnitte in der jüngsten Fassung an ausgewählten Stellen, um die darunterliegenden Schichten sichtbar zu machen.

Weitere Behältnisse aus Holz

Neben Gefäßen aus Massivholz bilden Spangefäße eine Sonderform. Teils dienten sie ebenfalls der dauerhaften Aufbewahrung, andere wurden eher für den Transport von Rohstoffen oder Arzneien genutzt. Eine Sonderform sind auch kunstvoll geschnitzte Dosen mit Schraub- oder Schiebedeckeln, die wohl der Aufbewahrung von Gewürzen und anderen wertvollen Rohdrogen dienten. Aufschlussreich kann die Identifizierung der häufig auf Span- und „Gewürz“-Dosen belegten Siegel sein.

Naturwissenschaftliche Analysen der verwendeten Materialien

Mit naturwissenschaftlichen Methoden sollen an ausgewählten Objekten geschätzte Datierungen präzisiert, nähere Aussagen zur Empfindlichkeit von Formen und Dekoren unterstützt sowie verwendete Materialen bestimmt werden. Wesentliche Methoden sind dendrochronologische Datierungen der Hölzer, die Bestimmung von Holzarten sowie Pigmentanalysen, die Aussagen über die Beschaffen-
heit der Malmaterialien (Farben, Grundierungen) liefern können.

Handel

Eine weitere interessante Frage ist die nach Bezugswegen, über die Apotheker Holzstandgefäße ankauften und durch wen die gewünschte Bemalung und Beschriftung erfolgte. Auch hier stellt sich die Frage nach Standard und Einzelanfertigung. Zudem sind die mögliche Übernahme von Gefäßserien durch eine andere Apotheke und deren Überfassung für den neuen Standort – und damit mehrere Provenienzen – in Betracht zu ziehen.

Vergleichende Beobachtungen

Wesentlich ist auch der Vergleich mit Gefäßen aus anderen Sammlungs-
beständen, um die chronologische und typologische Zuordnung der Objekte zu sichern. In einigen Fällen befinden sich noch Teile von Serien am originalen Apothekenstandort. Doch vielfach wurden ehemals zusammengehörige Gefäßserien aufgelöst und durch Schenkungen oder Verkäufe auf verschiedene Museen oder private Sammlungen verteilt - oft auch über den Kunsthandel. Unter Vorbehalt einer gesicherten Zuweisung sind auch Angebote aus früheren Auktionen zu berücksichtigen.

Danksagung und Partner

Wir danken dem Förderverein Deutsches Apotheken-Museum sehr herzlich für die Bereitstellung von Finanzmitteln, mit deren Hilfe an ausgewählten Objekten verschiedenste Analysen durchgeführt werden können: die Ermittlung von Erscheinungsbild und Abfolge mehrfacher Farbfassungen mit Hilfe restauratorischer Methoden; naturwissen-
schaftliche Analysen zur Bestimmung der verwendeten Malmaterialen und Holzarten sowie eine Datierung der Materialien durch dendrochronologische Untersuchungen.  

Das Projekt erfolgt in enger Abstimmung mit der Abteilung Pharmazie des Deutschen Museums in München, in der gleichzeitig ein ähnliches Projekt auf den Weg gebracht wird.

Die Restaurierungsarbeiten und naturwissenschaftlichen Analysen werden durchgeführt von:

  • Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH, Mannheim
  • Mikroanalytisches Labor Prof. Dr. Elisabeth Jägers und Dr. Erhard Jägers, Bornheim
  • Nicola Wilke, Restauratorin, Heidelberg