Das Deutsche Apotheken-Museum
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Individuelles Standgefäßdesign des 20. Jh., beispielsweise von Wagenfeld, Löffelhard und Theo Kerg

Individuell gestaltete Apothekenstandgefäße sind im letzten Jahrhundert selten geworden. Im Deutschen Apotheken-Museums werden einige besonders schöne Objekte dieses Sammelschwerpunktes bewahrt und der Öffentlichkeit präsentiert.

Bis weit ins 19. Jahrhundert gab es in vielen Apotheken Standgefäße, deren Dekor und Form eigens nach der Vorstellung des Apothekenleiters gestaltet wurden. Doch mit der Industrialisierung geriet der individuelle Entwurf schnell ins Abseits. Die meisten Apotheker wählten nun per Katalog aus einem ebenso gefälligen wie begrenzten Angebot aus. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert ließ kaum ein Apotheker noch eigene Vorstellungen von Glas-, Porzellan- oder Holzbehältern in die Realität umsetzen. Im Bestand des Deutschen Apotheken-Museums gibt es als Teil der Dokumentation dieser Epoche einen kleinen Sammelschwerpunkt bei Standgefäßen des 20. Jahrhunderts, die sich durch einen künstlerischen Gestaltungswillen oder zumindest eine individuelle Note auszeichnen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Bild der Standgefäße in den Offizinregalen. Die anmutigen verspielten Gefäßformen und -dekore des Historismus wichen einem sachlich wirkenden Typ weißer Porzellangefäße in schlichter Zylinderform mit Stülpdeckel. Hinzu kamen meist klarsichtige, runde bis ovale, teils mehrfach facettierte Glasflaschen und anstelle der Holzbüchsen schlichte eckige Blechdosen. Die Beschriftung stand nun nicht mehr in verschlungenen Rankenornamenten oder einer biedermeierlichen Herzform; jetzt dominierten sachlich gestaltete, oval, achteckig oder rund gefasste Kartuschen, die von einer oder mehreren Linien umrandet waren.

Gegenüber den Vorgängermodellen boten die Behälter einige Vorteile. Sie waren genormt, einfach zu handhaben, gut zu reinigen und unproblematisch lieferbar. Vor allem aber war das Preis-Leistungsverhältnis auf Grund der immensen Produktionszahlen in den neuen Fabriken unschlagbar günstig.

Damit waren die Tage der vielen kleinen Glas- und Keramikwerkstätten gezählt. Ihre Produkte traten gegenüber den industriell gefertigten rapide in den Hintergrund. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ersetzte nahezu jede der rund 7.500 deutschen Apotheken ihr Standgefäßsortiment durch die neuen Industrieprodukte – in der Regel Hunderte von Gefäßen je Apotheke. Sehr viele dieser neuen Gefäße sind heute noch erhalten und gelten daher nicht als Kostbarkeiten auf dem Antiquitätenmarkt (Abb. 2).

Wertvolle Individualisierung

Jedoch wurden diese typischen Formen in einigen Fällen geschmackvoll individualisiert, wie die elegant mit Blattgold gestalteten Signaturkartuschen der Porzellangefäße aus der Manufaktur Nymphenburg zeigen (Abb. 3). Dass diese Gefäße von höchster Qualität sind, ist kein Wunder, handelte sich doch um einen herrschaftlichen Auftraggeber: Die Krone und die verschlungenen Initialen „L F“ weisen Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern (1859 bis 1950) als Auftraggeber aus. Die Gefäße entstammen übrigens nicht der Münchner Hof-Apotheke, wie manchmal angenommen wird, sondern der Hausapotheke des Prinzen, der als Arzt tätig war.

Eine persönliche Note zeigen auch die von der Form her absolut gängigen Standgefäße, die sich Apotheker Walter Heinrici (1868 bis 1946) für die Offizin seiner Hirsch-Apotheke in Halle 1927 anfertigen ließ. Als Sammler pharmaziehistorischer Preziosen war er an einer künstlerischen Gestaltung der Gefäße sehr interessiert.

So wich er bei manchen vom typischen weißen Grundton ab und wählte eine schwarze Hintergrundfarbe (Abb, 4). Die nach eigenen Entwürfen gestaltete Kartusche verweist mit den Initialen „HE“ auf den Familiennamen und nimmt mit dem Hirschgeweih sowie dem Hubertuskreuz auf den Apothekennamen Bezug.

Nach dem zweiten Weltkrieg ließ kaum noch ein Apotheker Standgefäße aus Porzellan und anderen Materialien eigens für seine Apotheke anfertigen. Solche Stücke sind daher echte Rara. Im Bestand des Museums werden derzeit zwei Ensembles bewahrt, eines aus den 1950er und eines aus den 1960er Jahren.

Die "Gute Form" in Heilbronn

Die Epoche des Wiederaufbaus repräsentieren die Standgefäße aus der Sichererschen Apotheke in Heilbronn (Abb. 1, 5). Das Apothekengebäude – ein traditionsreiches Fachwerkhaus im Herzen Heilbronns – wurde 1944 bei einem Luftangriff zerstört. An gleicher Stelle entstand nach den kunstverständigen wie mutigen Vorstellungen des damaligen Besitzers Alfred Harmuth (1899 bis 1957) eine neue Apotheke. Das Gebäude mit seinem konsequenten 1950er-Jahre-Stil erregte nicht nur in der Architektur-Fachpresse Aufsehen. Baukörper, Fassadengliederung und Inneneinrichtung sind bis hin zur Gestaltung der kleinsten Papieretiketten in genau aufeinander abgestimmtem Design gehalten.

Apotheker Harmuth konnte für die Standgefäßausstattung der Apotheke wahre Meister ihres Fachs gewinnen: Wilhelm Wagenfeld (1900 bis 1990) und Heinrich Löffelhardt (1901 bis 1979). Der Bauhausprotagonist Wagenfeld, aber auch Löffelhard prägten als bedeutende Industriedesigner das moderne Produktdesigns im Nachkriegsdeutschland. Aus Löffelhards Entwürfen für die Porzellanfabriken Arzberg und für die Jenaer Glaswerke in Mainz entstanden teils jahrzehntelang produzierte Geschirrserien, die allesamt Designklassiker wurden. Für die Apotheke schufen die beiden ein in Form und Farbe sensibel aufeinander abgestimmtes Standgefäßensemble, bestehend aus matt graugrün lackierten Holzdosen, zart eierschalenfarbenen irdenen Standgefäßen und rauchfarbenen Glasflaschen. Letztere wurden 1955 bei Gral-Glas in Göppingen produziert. Die Entwurfszeichnungen befinden sich ebenfalls im Besitz des Deutschen Apotheken-Museums. Sie sind von Löffelhardt unterzeichnet. Er erkrankte jedoch kurz nach der Auftragserteilung und Wagenfeld führte den Auftrag weiter.

Das Ensemble aus der Sichererschen Apotheke ist ein hervorragendes Beispiel für das von der Bauhausschule postulierte Ideal der „Guten Form“. Kennzeichnend sind Einfachheit und Schlichtheit, verbunden mit einer materialgerechten Gestaltung, die auf Langlebigkeit ausgelegt ist.

Aus den Ideenschmieden von Löffelhardt und Wagenfeld kamen zahlreiche weitere Gebrauchsgegenstände unseres heutigen Alltags. Viele sind inzwischen Klassiker des modernen Industriedesigns, so Produkte für die Firmen Schott, Braun und Tosenthal, unter anderem das „Lufthansa-Geschirr“.

Text. Elisabeth Huwer, Fotos Claudia Schäfer, Mannheim

Produktdesign aus Meisterhand

An die Bauhaus-Idee knüpft auch das derzeit jüngste, speziell auf eine Apothekeneinrichtung abgestimmte Ensemble im Bestand des Museums an. Es handelt sich um drei außergewöhnlich gestaltete Porzellangefäße – Teile eines wesentlich größeren Ensembles – aus der Adler-Apotheke in Remscheid. Ihre Entstehung begleiten ähnliche Umstände und Zielsetzungen wie bereits beschrieben (Abb. 6). Auch hier wurde nach der kriegsbedingten Zerstörung des historischen Apothekengebäudes ein hoch moderner Neubau errichtet und damit ein Zeichen der deutlichen Abgrenzung gegenüber der jüngeren Vergangenheit gesetzt.

Als in den 1960er Jahren bereits eine Erweiterung des Neubaus anstand, betraute man den Luxemburger Künstler Theo Kerg (1909 bis 1993) mit der Gestaltung. Er war unter anderem in Düsseldorf Schüler des Expressionisten Paul Klee (1879 bis 1940) und später selbst als Lehrer an der Düsseldorfer Akademie tätig. Sein künstlerisches Gesamtwerk findet sich in Luxemburg, Frankreich und Deutschland; in der Hauptsache sind es Skulpturen, Gemäldezyklen und Kunst am Bau.

Das Apothekerehepaar Ruepp lernte Kerg bei einem Aufenthalt in Paris in den 1960er Jahren kennen und schätzen. Im Jahr 1965 gestaltete man nach seinen Entwürfen nicht nur die Außenfassade neu, sondern stimmte auch die Inneneinrichtung der Adler-Apotheke darauf ab. Diese erhielt ein bis heute original und geschlossen erhaltenes, hoch qualitatives Gesamtdesign „aus einem Guss“, das auch die neuen Standgefäße einbezog. Deren sachliche Form – schlanke, elegante, weiß glänzende Zylinder mit Stülpdeckel – und die in Kleinbuchstaben ausgeführte Beschriftung knüpft nahtlos an die Bauhaus-Idee an. Das gesamte Ensemble zeichnet sich durch die zeitlose Eleganz eines hervorragenden Entwurfs aus.

Noch heute ist die stattliche Menge gleicher Standgefäße in der Adler-Apotheke nicht nur zur Zierde aufgestellt, sondern wird rege benutzt. Sie sind ein herausragender Beleg für modernstes Produktdesign des 20. Jahrhunderts aus Meisterhand.

Kleine feine Sammlung

1979 übergab Apotheker Hans Ruepp drei Gefäße des Ensembles anlässlich des 250-jährigen Apothekenjubiläums an das Deutsche Apotheken-Museum als Geschenk. Im Übergabeschreiben heißt es: „Im jetzigen tiefgreifenden Wandel werden sie wohl einmal zu den letzten individuell gestalteten Gefäßen gehören.“ Dies ist sicherlich richtig, auch wenn heute eine kleine Renaissance von Porzellangefäßen in der Apotheke zu verzeichnen ist.

So wird dieser kleine Bereich – im Gegensatz zu manch anderen Sammelschwerpunkten des Deutschen Apotheken-Museums – in den nächsten Jahren einen wohl eher überschaubaren Zuwachs haben. Der aber ist auf jeden Fall erwünscht, so dass Angebote von und Hinweise auf ähnlich individuell gefertigte oder individualisierte Ensembles gerne entgegengenommen werden.

Literaturhinweis:
Carlo Burschel: Heinrich Löffelhardt, Industrieformen der 1950er bis 1960er Jahre aus Porzellan und Glas - die "Gute Form" als Vorbild für nachhaltiges Design. Bremen 2004.

Text:
Elisabeth Huwer, Deutsches Apotheken-Museum

Fotos: Claudia Schäfer, Mannheim