Das Arzneimittel

Von der "materia medica" der Antike zum modernen Arzneimittel

Nach dem Gang durch die Kronen-Apotheke in Raum 4 schließt sich in Raum 5 der erste Schwerpunktbereich der Dauerausstellung an.

In 28 Vitrinen wird anhand der über 1000 Exponate umfassenden wertvollen und in ihrer Art einzigartigen Sammlung von Arzneidrogen des 17.-19. Jh. das grundlegende Arbeitsmaterial des Apothekers vorgestellt – die Rohstoffe, die in ihrer Gesamtheit den Arzneischatz (lat. materia medica) dieser Zeit darstellen.

Dieser repräsentative Bereich versetzt den Besucher bei der Betrachtung der heute vergessenen Wundermittel wie Einhorn, Mumia oder dem aus oft mehr als 200 Zutaten hergestellten, opiumhaltigen Allheilmittel "Theriak" zurück in vergangene Zeiten.

Gegliedert ist der Raum entsprechend der historischen Einteilung in die "drei Naturreiche" (lat. regna naturae) – Mineralreich (lat. mineralia), Pflanzenreich (lat. vegetabilia) und Tierreich (lat. animalia).

Themen sind die auf den ersten Blick manchmal kurios wirkenden, damals aber in ein – dem Kenntnisstand entsprechendes – schlüssiges System der Heilkunde eingebundenen Anwendungsgebiete der pflanzlichen, mineralischen und tierischen Arzneistoffe. Anschaulich dargestellt werden auch die beschwerlichen Handelswege, auf denen die Rohstoffe aus den fernsten Ländern bis in die einzelnen Apotheken kamen.

In welcher Form die Arzneistoffe schließlich an den Patienten weitergegeben wurden, um die Einnahme zu erleichtern – Tabletten gab es erst ab der Mitte des 19. Jh., und unter einem Pflaster verstand man etwas ganz anderes als heute – wird mit Originalgeräten wie Pflasterstreichmaschinen oder Pillenvergoldern im Bereich Arzneiformen ebenfalls anschaulich erläutert. Zäpfchengießformen, Formen zur Herstellung von sog. "Bissen" (lat. morsuli, Morsellen), die mit ihrem hohen Zuckeranteil gut haltbar waren und den bitteren Geschmack der Arznei überdecken halfen.

Bezüge zwischen damals geläufigen Arzneirohstoffen und heutigen Arzneimitteln zeigen darüber hinaus auf, dass die Medikamente des 21. Jh. ohne den jahrhundertelangen Umgang unserer Vorfahren damit und die daraus folgenden Erkenntnisse nicht denkbar wären. Selbst heute, nachdem viele Drogen (Rohstoffe mit arzneilicher Wirkung) des damaligen Arzneischatzes nicht mehr benutzt werden, gibt es zahlreiche Übereinstimmungen beispielsweise im pflanzlichen Arzneischatz.

In einer großen Fensternische wird die "Sammlung Merck" präsentiert, eine Zusammenstellung von Rohdrogen, die von der damals noch jungen Fa. Merck um die Jahrhundertwende aus Übersee zum Zwecke der Analyse und synthetischen Herstellung der Inhaltsstoffe eingeführt wurden.

Sie steht nicht nur als Beispiel für den Weg von der Apotheke – der Merck'schen Engelapotheke in Darmstadt – hin zur pharmazeutischen Industrie – der Fa. E. Merck KG. Sie besticht daneben auch durch ihre exotischen Materialien und die original erhaltenen, heute sehr ungewöhnlich anmutenden Verpackungen.

Die Museumssammlung moderner Arzneimittel ist mit verschiedenen "Meilensteinen" ebenfalls in Raum 5 präsent. Die Geschichte der Medikamente, die nicht mehr in der Apotheke, sondern industriell hergestellt wurden, ist noch relativ jung: Im Jahre 1884 kam "Antipyrin" in den Handel. Es gilt als das erste in Großfabrikation synthetisch hergestellte Fertigarzneimittel.

In der Ausstellung finden Sie Klassiker wie Aspirin (seit 1899 auf dem Markt) oder das heute nicht mehr angebotene "Salvarsan" – ein von Paul Ehrlich (1854 bis 1915) entwickeltes Medikament, das erste Chemotherapeutikum. Es war das Mittel, das der Syphilis nach vielen Jahrhunderten erstmals Einhalt gebot. Zu sehen sind auch erste wirksame Mittel gegen Tropenkrankheiten wie Malaria und frühe Hormonpräparate wie Insulin, das erst seit 1923 als wirksames Mittel bei Diabetes zur Verfügung stand.

In der Erfolgsgeschichte synthetischer Arzneimittel stellt das 1961 vom Markt genommene Mittel Contergan einen Wendepunkt dar: Es löste durch seine fruchtschädigende Nebenwirkung eine Arzneimittelkatastrophe aus und erschütterte das Vertrauen in die bis dahin jahrzehntelang begeistert aufgenommenen neuen Arzneimittel. Das bundesdeutsche Arzneitmittelgesetz wurde daraufhin grundlegend überarbeitet, u.a. muss seitdem jedes Medikament, bevor es auf den Markt kommt, umfassende Prüfprozeduren durchlaufen, die seine Unbedenklichkeit eindeutig belegen.

Nach dem Überblick über die Arzneidrogen und ihre Anwendung führt der Rundgang in einen großen Raum des Ottheinrichbaus, dessen Kreuzgewölbe auf wuchtigen Mittelpfeilern ruhen und so einen passenden Rahmen für die ausgestellten Apothekeneinrichtungen bilden. Hier beginnt der nächste thematische Bereich: "Die Apotheke als Arbeitsplatz". Vorgestellt werden nacheinander drei wichtige Apothekenbereiche: die Offizin, die Material-, Stoß- und Kräuterkammer und das Apothekenlabor.

Raum 5 ist dem Arzneimittel gewidmet. Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Kakao. Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Chinarinde. Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Axungia hominis (Menschenfett) und Mumia, Standgefäße 18. und 19. Jh. Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Theriak, Allheilmittel  von der Antike bis ins 19. Jh.  Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Frühe industrielle Arzneimittel, ca. 1906 bis 1930, Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Aspirinpackungen ab dem Jahr 1917 sowie frühe Generika. Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.

Contergan - Ende der 1950er Jahre Auslöser einer Arzneimittelkatastrophe. Foto: Copyright Deutsches Apotheken-Museum.