Heute wird in dieser Rubrik nicht ein Museumsobjekt vorgestellt, sondern das Museum selbst wird in den Focus gerückt. Anlässlich des Jubiläumsjahres "50 Jahre im Schloss Heidelberg" soll hier ein wenig der Vorgeschichte des Museumsstandortes und der Frage, "wie kommt es eigentlich zum Standort Heidelberg?" nachgegangen werden.
Vor 50 Jahren, am 7. Oktober 1957, wurde das Deutsche Apotheken-Museum im Heidelberger Schloss wiedereröffnet. Der Weg zum neuen Domizil war spannend und verlief nicht ohne Überraschungen, denn es waren mehrere Standorte in der Diskussion. Das 1957 erst 19 Jahre junge Museum hatte zu der Zeit bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Nach der Eröffnung in München 1938 war es nur wenige Monate zugänglich. Dann brach der Krieg aus und das Museum schloss. Der nicht ausgelagerte Teil der Sammlung ging bei einem Angriff im Herbst 1943 verloren. Apotheker Dr. Fritz Ferchl (1892 bis 1953), Mitbegründer der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Initiator des Museums und seit 1937 dessen Kurator, gelang es nach dem Krieg, die ausgelagerten Bestände in Räumen der Residenz Bamberg zusammenzuführen. Die von ihm eingerichtete Ausstellung konnten 1950 zahlreiche Mitglieder der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (IGGP) im Anschluss an die Jahrestagung bewundern.
Die Aufstellung war gelungen, doch es gab erhebliche Nachteile. Die Räume waren nur nach Voranmeldung zugänglich und zudem stark durchfeuchtet. Auch die Kostenfrage war ungeklärt.
Dornröschen beginnt zu erwachen
Der Vorsitzende des Verwaltungsrats des Museums, Pharmazierat Max Lesmüller (1874 bis 1952), Kurator Ferchl und sein Stellvertreter Dr. Carl Sieberger (1871 bis 1952) verstarben Anfang der 1950er Jahre kurz nacheinander, sodass das Museum zunächst verwaiste. Es fehlte nicht nur an einer engagierten Person, sondern auch an einer Institution, die die Museumsinteressen mit Nachdruck wahrnahm.
Dies änderte sich erst, als der durch die ABDA gebildete Notvorstand am 1. Januar 1955 durch den ersten ordentlichen Vorstand der Deutschen Apotheken Museum-Stiftung nach dem Krieg ersetzt wurde. Den Vorsitz erhielt eine Persönlichkeit, die die Entstehung und Entwicklung der ABDA prägte und für das Deutsche Apotheken-Museum einen Glücksfall darstellte: Dr. Hans Meyer (1895 bis 1977). Als Beisitzer wurden der Pharmaziehistoriker Professor Dr. Georg Edmund Dann (1898 bis 1979), Kiel, damals IGGP-Präsident, Professor Dr. Ferdinand Schlemmer (1898 bis 1973), Geschäftsführer der Bayerischen Landesapothekerkammer, Dr. Wolfgang Schneider (späterer Gründer des Pharmaziehistorischen Seminars Braunschweig), und Dr. Hermann Schroller (1900 bis 1959), Geschäftsführer der Apothekerkammer Württemberg-Hohenzollern, gewählt.
Ferchls Nachfolger im Kuratorenamt wurde zunächst der Landessekretär der Bayerischen Apothekerkammer, Dr. Anton Lauer (1890 bis 1955). Er trat sogleich in Verhandlungen mit der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Bayerns über eine Rückführung der Sammlung nach München, verstarb aber kurz nach deren Beginn. Wieder stockten die Gespräche. Der Vorsitzende des Bayerischen Apothekervereins, Dr. Kurt Gugel (1910 bis 1983) wurde zum neuen Kurator ernannt. Bereits ein Jahr später übergab er das Amt aus Zeitgründen an Schroller.
Als Alternative zu Bamberg und München war zunächst noch Frankfurt in der Diskussion (1). Im Juni 1955 kam ein neuer Standort hinzu (2): Die Landesgruppe Deutschland der IGGP und die Landesgruppe Nordbaden der DPhG tagten am 18. Juni 1955 in Heidelberg. Im dortigen Kurpfälzischen Museum wurde zeitgleich im Beisein der Tagungsteilnehmer ein Ausstellungsraum mit einer historischen Apotheke eingeweiht. Viele kannten die Bamberger Ausstellung und wussten um deren Dornröschenschlaf nach dem Tode Ferchls. Sogleich kam Heidelberg als neuer Standort für das Deutsche Apotheken-Museum ins Gespräch.
In diesem Rahmen fand auch ein erstes Gespräch zwischen einigen späteren Hauptakteuren der Verlegung statt, darunter der Heidelberger Oberbürgermeister und Baden-Württembergische Landtagspräsident Dr. Carl Neinhaus (1888 bis 1965), der Direktor des Kurpfälzischen Museums Heidelberg Dr. Georg Poensgen (1898 bis 1974), der IGGP-Präsident Dann und Pharmazierat Dr. Werner Luckenbach (1900 bis 1982), damals stellvertretender Kurator des Deutschen Apotheken-Museums. Der gebürtige Stettiner Luckenbach war ab 1937 Mitglied des Verwaltungsrats des Museums. Er hatte sich nach dem Krieg in Heidelberg, der Heimatstadt seiner Frau, niedergelassen und dort seine Greif-Apotheke eröffnet.
München oder Würzburg?
Die Heidelberger Tagung brachte Bewegung in die Umzugspläne. Meyer informierte die Vorstandsmitglieder, dass die Verhandlungen über den Museumsstandort München nun wieder aufgenommen würden. Sollten sie ergebnislos bleiben, sei Heidelberg als Alternative zu prüfen.
Die Stadt Heidelberg handelte sogleich. Der Erste Bürgermeister, Dr. Dr. Hagen, fragte direkt nach der Tagung in einem Schreiben an Luckenbach, „ob und gegebenenfalls welche Schritte zur Überführung des Deutschen Apothekemuseum nach Heidelberg eingeleitet wurden, bzw. welche Maßnahmen zur Verwirklichung der Absicht zunächst zu treffen sind (Bereitstellung des erforderlichen Raumes usw.)“.
Eile schien auch geboten, denn inzwischen war bei Meyer in Frankfurt das Angebot eingegangen, das Museum in die Festung Marienberg in Würzburg zu verbringen. Luckenbach wandte sich fast zeitgleich, am 14. Juli 1955, an Dann und bat diesen, den Heidelberger Oberbürgermeister zu kontaktieren, „um überhaupt einmal einen Vorgang zu schaffen“, denn mündlich seien für die Sammlung zwei dem Kurpfälzischen Museum benachbarte Gebäude avisiert worden. Um von der Raumfrage unabhängig zu werden, stellte Luckenbach kurz darauf ein Gebäude aus seinem Familienbesitz zur Diskussion (Klingenteichweg 2), über das er kurzfristig verfügen könne.
Da am 9. September 1955 eine Vorstandssitzung der Stiftung in Bamberg geplant war, drängte Luckenbach im Auftrag Meyers auf ein konkretes Angebot der Stadt Heidelberg. Oberbürgermeister Neinhaus unterbreitete dieses schließlich zwei Tage vor der Sitzung. Ganz überraschend bot er neue spektakuläre Räume an: die Festsäle des Ottheinrichbaus und den Apothekerturm im Schloss Heidelberg.
In Bamberg wurde neben diesem Angebot auch jenes für Räume in Würzburg vorgelegt. Ungeachtet dessen benannte die Stiftung Kurator Schroller als offiziellen Verhandlungsführer mit der Stadt Heidelberg. Zeitgleich wandte sich die Bayerische Verwaltung der Schlösser, Gärten und Seen an die Bayerische Landesapothekerkammer München und schlug drei mögliche Lösungen in Bayern vor: das Erdgeschoss des Damenstocks im Kapellenhof der Residenz München, Räume in der Schottenflanke der Festung Marienberg Würzburg sowie zusätzliche Räume in der Residenz Bamberg. Doch bei allen Angeboten war die Finanzierung ungeklärt. Ein Treffen aller Beteiligten sollte eine Lösung erbringen.
Doch auf Heidelberger Seite gab es Verzögerungen. Luckenbach wünschte sich schließlich am 10. Oktober 1955 in einem Brief an Dann: „Wenn nur die Stadt Heidelberg ihre Pläne bald fixieren wollte!“ Doch nichts geschah. Stattdessen fand am 4. November 1955 in München eine Sitzung mit rund 20 Personen statt. Vertreter bayerischer Staatministerien, der Bayerischen Schlösserverwaltung, der Städte Bamberg, Würzburg und München sowie der Stiftungsvorstand berieten über den zukünftigen Standort. Würzburg wurde favorisiert, aber die Finanzierung blieb weiterhin ungeklärt.
Speyer?
Luckenbach bat nun den Heidelberger Oberbürgermeister persönlich, einen Vorschlag zu unterbreiten. Bis Frühjahr 1956 kam jedoch weder aus Heidelberg noch aus Bayern ein Angebot. Im April 1956 ging hingegen eine unerwartete Offerte ein – aus der Domstadt Speyer. Die Stadt bot 13 vollständig ausgebaute Räume im Historischen Museum an und zusätzlich die Übernahme der laufenden Kosten sowie der Aufsichtskosten – damit wäre man vieler Sorgen ledig gewesen.
Nun bat Meyer Luckenbach, in einer außerordentlichen Vorstandssitzung am 13. Juli 1956 über Speyer und Heidelberg zu berichten. Laut Protokoll wurde jedoch nur über Heidelberg berichtet. Das Speyrer Angebot fand keine Berücksichtigung, auch später nicht. Gründe lassen sich in den Unterlagen des Museums dazu nicht finden. In der selben Sitzung wurde auch vom Ankauf einer Klosteroffizin berichtet, die bis heute ein unverzichtbares Herzstück der Museumseinrichtung bildet: die barocke Offizin des Ursulinenklosters Klagenfurt. Es wurde beschlossen, das Mobiliar trotz der ungeklärten Standortentscheidung nach Heidelberg zu bringen.
Überraschend erscheint daher, dass die Stiftung im Oktober 1956 erneut Heidelberg und Bamberg gegeneinander abwog und sich die bisherigen Präferenzen dabei kurz sogar umkehrten. Geradezu ernüchternd fiel nämlich eine Besprechung am 26. Oktober 1956 zwischen der Stadt Heidelberg und dem Stiftungsvorstand aus. Die Stadt zog ihre Zusage für die Bereitstellung der Festsäle im Ottheinrichbau zurück. Man wollte diese als Sonderausstellungsräume weiterhin verfügbar für städtische Ausstellungen halten, nachdem eine Ausstellung zu Kurfürst Ottheinirch bei der Bevölkerung in Heidelberg in diesen Räumen großen Anklang gefunden hatte. Ersatzweise bot man Räume im Erdgeschoss des Ottheinrichbaus, die jedoch noch ausgebaut werden mussten – aber auch hier war nun die Finanzierung unklar.
Tags darauf fand in Bamberg eine Besprechung zwischen Stiftungsvorstand, städtischen Vertretern und der Bayerischen Schlösserverwaltung statt. Letztere boten dabei nicht nur zusätzliche Räume in der Residenz, sondern auch die Übernahme der Ausbaukosten an. Schroller und Meyer favorisierten nun verständlicherweise Bamberg als Standort.
Heidelberg!
Luckenbach mobilisierte daraufhin alle seine Ansprechpartner bei der Stadt Heidelberg. Mit Erfolg, denn am 6. Dezember 1956 öffnete Bürgermeister Hagen in einem Schreiben an die Stiftung das Füllhorn der Stadt. Er sicherte Erdgeschossräume im Schloss/Ottheinrichbau sowie deren Instandsetzung bis zum 30. April 1957 zu, außerdem Räume für die Katalogisierung der Sammlung und die Bereitstellung von Finanzmitteln für den laufenden Betrieb der nächsten Jahre. Bei der daraufhin einberufenen außerordentlichen Vorstandssitzung am 10. Januar 1957 wurde die Verlegung des Museums von Bamberg nach Heidelberg beschlossen.
Plötzlich ging nun alles ganz schnell. Im März 1957 fand der Umzug der Sammlung von Bamberg nach Heidelberg statt. Alle Objekte wurden im Heidelberger Kurpfälzischen Museum ausgepackt und neu inventarisiert. Hierfür sorgte die Kunsthistorikerin Dr. Anneliese Stemper (1915 bis 2003), die seitdem bis 1978 alleinverantwortlich die Sammlung betreute. Im April ´57 begannen die Handwerker, die Offizin des Ursulinenklosters Klagenfurt und Mobiliarteile der Hofapotheke Bamberg im Schloss aufzubauen. Das Feinkonzept entwickelten Poensgen und seine Mitarbeiter sowie Luckenbach. Bei der Präsentation der Arzneimittelsammlung engagierten sich auch Schroller und Schneider.
Sieben Räume umfasste das Museum, als es am 7. Oktober 1957 in einem Festakt mit 400 geladenen Gästen eröffnet wurde. Die Eröffnung war gleichzeitig die Auftaktveranstaltung der Tagung der IGGP und der Académie Internationale d´Histoire de la Pharmacie in Heidelberg.
Schroller übergab Luckenbach am Eröffnungstag das Kuratorenamt. Von da an bestimmte Dr. Werner Luckenbach 25 Jahre lang die Museumsarbeit mit großem Erfolg
Seit der Entscheidung für Heidelberg sind fünf Jahrzehnte vergangen. Der spannende Prozess der Domizilsuche hat sich gelohnt: Das Schloss ist ein idealer Standort für das Deutsche Apotheken-Museum. Das zur Eröffnung 1957 vielfach zitierte Ideal Ferchls, das Haus als lebendige Institution zu führen, bestimmt bis heute die erfolgreiche Arbeit des Museums. Inzwischen lassen sich jährlich rund 600.000 Besucher von den Schätzen der Sammlung und dem abwechslungsreichen Museumsangebot faszinieren.
Text: Elisabeth Huwer
Fotos: Archiv Deutsches Apotheken-Museum
Anmerkungen:
(1) Ried, W. A., Deutsches Apotheken-Museum – Vor fünfzig Jahren Umzug nach Frankfurt geplant. Dt. Apoth. Ztg. 129, Nr. 39 (1989) 2047-2048.
(2) Die Darstellung des zeitlichen Ablaufs der Verhandlungen beruht auf den Schriftwechseln in den Akten des Dt. Apotheken-Museums (Archiv DAM).